By Isabelle Quinter

Opium hatte bereits seit Jahrhunderten Schmerzen bekämpft als der 20-jährige Apothekerlehrling in Einbeck, Deutschland, anfing, mit dieser Substanz zu experimentieren. Friedrich Wilhelm Adam Sertürner (1783 bis 1841) erkannte, dass manche Präparationen wirksamer waren als andere und begann zu versuchen, die aktive Substanz des Schlafmohns zu ientdecken. Er isolierte einen bis dahin unbekannten Pflanzeninhaltsstoff und entdeckte einen Wirkstoff einer völlig neuen Klasse von Verbindungen.
Sertürners Entdeckungen stellen ihn an den Anfang einer Entwicklung, die für seine Epoche (19. Jahrhundert) von gleicher Bedeutung war, wie für unsere Zeit die Entdeckung des Penicillins.

Seine Entdeckung bedeutete den Beginn der Alkaloid-Chemie. Sie leitete die Anwendung von vielen hochwirksamer Medikamenten ein, die auch heute noch Einsatz finden (z.B. Atropin beim Augenarzt).

Gute Ausbildung trotz enger Verhältnisse

Friedrich Wilhelm Sertürner wurde am 19. Juni 1783 in Neuhaus bei Paderborn als Sohn eines Landmessers und Wegebaumeisters geboren. Trotz der engen Verhältnisse, in denen er aufwuchs, genoss er Schulbildung und zusätzlichen naturwissenschaftlichen Unterricht durch seinen Vater, der 1798 jedoch sehr früh starb.

Die Lehrjahre in Paderborn

Am 1. Oktober 1799 trat Sertürner beim Hofapotheker Franz Anton Cramer Paderborn eine 4-jährige Lehre an.
Mit dem ruhigen Leben eines Apothekers in kleinstädtischer Idylle gab sich Friedrich Wilhelm Sertürner nicht zufrieden. Schon während seiner Lehrzeit und der folgenden zwei Gehilfenjahre experimentierte er im Laboratorium.
Vor allem wollte es wissen: Wie ist die Wirkung von Arzneipflanzen zu erklären?
Die Antwort suchte er vorerst beim Opium zu finden. Opium war zu seiner Zeit einer der wichtigsten Arzneien, die Anwendung barg grosse Risiken: Gleiche Mengen Wirkstoff hatten oft ganz ungleiche Wirkungen. Dafür hatte man zu Sertürners Lehrzeit noch keine Erklärung. Aber die Vermutung lag nahe, dass im Opium ein Stoff in unterschiedlichen Konzentrationen enthalten sein könnte, der schmerzstillend wirkt..

Er experimentierte daher viel mit dem Opiumsaft: er fand darin einen Stoff mit alkalischen Eigenschaften.

Mit Hilfe von Tierversuchen erkannte er die betäubende Wirkung der gefundenen Substanz (er nannte sie Opiumsäure oder auch Mohnsäure):

Ein Hund versank nach der Injektion des gefundenen Stoffes in Schlaf, der jedoch ausblieb, wenn aus dem Opiumextrakt der entsprechende Bestandteil entfernt worden war.

Damit hatte der junge Apothekergehilfe - mit bescheidensten Mitteln- eine wissenschaftliche Grosstat vollbracht.
Sertürner fasste seine Beobachtungen zusammen (er nannte sie "Darstellung der reinen Mohnsäure (Opiumsäure) nebst einer wissenschaftlichen Untersuchung des Opiums mit vorzüglicher Hinsicht auf einen darin neu entdeckten Stoff" ) und schickte sie an Trommsdorf (einer der berühmtesten Pharmazeuten jener Zeit) der die Arbeit 1806 in seinem Journal veröffentlichte.
In dieser arzneigeschichtlich wichtigen Publikation mit der Schilderung von 57 Versuchen ist die Entdeckung des Morphiums enthalten.

Umzug nach Einbeck

Bis Sertürners Erkenntnisse Beachtung fanden, sollten aber noch einige Jahre vergehen.
Sertürner verliess die Apotheke in Paderborn und war im Frühjahr 1806 nach Einbeck gekommen. Hier arbeitete er in der Rats-Apotheke mit, die damals von dem hochbegabten Apotheker Hink geleitet wurde.
Im Jahre 1809 konnte Sertürner eine eigene Apotheke erwerben. Schnell war ihm das Gebäude der Apotheke (1826 bei einem grossen Stadtbrand zerstört) für seine Laborexperimente zu klein, so dass er im Herbst 1813 ein Haus auf dem Einbecker Marktplatz kaufen konnte; dieses fiel später (1832) ebenfalls einem Brand zum Opfer.

In Einbeck nahm Sertürner seine Untersuchungen über das Morphium wieder auf. Er berichtete darüber u. a.:

"Um meine früheren Versuche streng zu prüfen, bewog ich drei Personen, von denen keine über 17 Jahre alt war, zugleich mit mir Morphium einzunehmen; gewarnt durch die damaligen Wirkungen, gab ich jedem nur ein halbes Gran in einer halben Drachme Alkohol aufgelöst, und mit einigen Unzen destilliertem Wasser verdünnt. Eine allgemeine Röte, welche sogar in den Augen sichtbar war, überzog das Gesicht, vorzüglich die Wangen, und die Lebenstätigkeit schien im Allgemeinen gesteigert (...) Ohne dass wir den vielleicht schon sehr übeln Erfolg abwarteten, wurde von uns nach einer viertel Stunde noch ein halbes Gran Morphium als grobes Pulver unaufgelöst, mit 10 Tropfen Alkohol und einer halben Unze Wasser verschluckt. Der Erfolg war bei den drei jungen Männern schnell und im höchsten Grade entschieden. Er zeigt sich durch Schmerz in der Magengegend, Ermattung und starke an Ohnmacht grenzende Betäubung. Auch ich hatte dasselbe Schicksal; liegend geriet ich in einen traumartigen Zustand (...) Nach dieser wirklich höchst unangenehmen eigenen Erfahrung zu urteilen, wirkt das Morphium schon in kleinen Gaben als heftiges Gift."

Sertürner wollte mit der Bestätigung seiner früheren Versuche auch dem Streit begegnen, der um seine Entdeckung entstanden war.
Der französische Apotheker Charles Louis Derosne (1780-1846) hatte sich nämlich auch mit Opiumexperimenten beschäftigt und eine Resultate veröffentlicht; er konnte das reine Morphium jedoch nicht darstellen.
Sertürner schrieb aber darauf seinem berühmten Aufsatz "Über das Morphium", der 1817 in "Gilberts Annalen der Physik" erschien.

Darin nennt Sertürner die schlafmachende Substanz erstmals "Morphium".

Chemische Struktur von Morphin

Seit 1817 folgte auf die Entdeckung des Morphiums auch zunehmend seine praktische Anwendung, besonders als es gelang, Morphium in grossen Mengen herzustellen.
Sertürner befasste er sich aber auch mit andern naturwissenschaftlichen Themen:

  • Galvanismus
  • Schusswaffen: hier befasste er sich mit der Durchschlagskraft der Geschosse, erfand dafür eine Legierung (Blei-Antimon) und ein neues Hinterladegewehr

Unruhige Zeiten

Nach dem Sturz der französisch-westphälischen Regierung wurde das an Sertürner verliehene Apothekenrecht von der nachfolgenden hannoverschen Regierung nicht anerkannt.
Er wurde gezwungen, 1817 seinen Beruf vorübergehend aufzugeben. So widmete er sich gezwungenermassen seinen wissenschaftlichen Arbeitenund es erschien 1820 und 1822 die beiden Bände sein grosses Werk "System der chemischen Physik" in 2 Bänden.
1821 konnte Sertürner im Januar die Ratsapotheke in Hameln pachten.

Sertürner behauptete 1831, als die Cholera nach Europa eingeschleppt wurde, dass der Erreger "ein giftiges, belebtes, also sich selbst fortpflanzendes Wesen" sei, ein halbes Jahrhundert vor der Entdeckung des Cholerabakteriums durch Robert Koch.

Als Sertürners Lehre von der Entstehung der Cholera trotz ihrer Richtigkeit abgelehnt wurde, verdüsterte sich sein Gemüt immer mehr.
Und da seine Veröffentlichungen in den Zeitschriften seiner Meinung nach zu wenig Anerkennung fanden, liess Sertürner in seiner Verbitterung seine Arbeiten als gesonderte Flugblätter erscheinen, nachdem er bereits 1826 eine eigene Zeitschrift, die "Annalen für das Universalsystem der Elemente" gegründet hatte. Doch erreichte er damit das Gegenteil von dem, was er anstrebte. Die Kluft zwischen ihm und seinen Zeitgenossen wurde immer grösser, seine Ansichten wurden immer spekulativer, immer unhaltbarer. Zuletzt hatte er den Boden unter den Füssen verloren.

In seinen letzten Lebensjahren erkrankte Sertürner an schwerer Gicht, das den Unermüdlichen zeitweise ans Bett zwang.
Am 20. Februar 1841 starb er im Alter von 58 Jahren.
Auf seinem Grabstein stehen die Worte: "Durch die verdienstvolle Entdeckung des Morphiums wirkte er zum Segen vieler kranker Menschen."

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