Vergessene, obsolete Medikamente: Quecksilber

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Obsolet ist lateinisch und bedeutet 'veraltet, nicht mehr gebräuchlich, überholt, antiquiert'. Dieses Wort wird häufig in der Medizin und Pharmazie verwendet, um eine Behandlung oder ein Medikament als 'nicht mehr gebräuchlich' zu bezeichnen

Der Name Hydrargyrum ist griechisch (ύδράργυρος) und bedeutet flüssiges Silber.

Die Römer nannten es argentum vivum = lebendiges Silber, wie auch im Deutschen: Queck (mittelhochdeutsch) heisst lebendig

Quecksilbertropfen

 

Quecksilber ist ein hochgiftiges Metall, das in der Natur praktisch nur als Zinnober (HgS) vorkommt, als welches es im Bergbau gewonnen wird. Zinnober wurde schon im 1. Jahrhundert nach Chr. erhitzt und metallisches Quecksilber konnte als allerdings äusserst giftiger Dampf wieder kondensiert werden.
Das so gewonnene Metall glänzt stark silbrig und ist bei Zimmertemperatur flüssig.

     
Zinnoberkristalle, in China gefunden
Aber die Arbeiter, die Spiegel herstellten oder Gegenstände mittels Feuervergoldung veredelten, zeigten schon bald die typischen Erscheinungen einer chronischen Quecksilbervergiftung, wie zittrige Schrift (Zeichen von Nervenschädigungen), eitrige Entzündung von Kiefer- und Stirnhöhlen, Ausschlägen an Aut und Geschwüre ähnlich der Syphilis (!).
Rotes Quecksilbersulfid, HgS, Zinnober
In China schon seit 3-4000 Jahren bekannt, wurde Zinnober wegen seiner schönen roten Farbe erst ab dem 15. Jahrhundert routinemässig von den Malern in Europa verwendet. Leider erwies sich das leuchtende Farbpigment nicht als so lichtecht, wie gewünscht, was die Verwendung einschränkte.

Jedoch lässt sich schon in Pompeji, in einer Villa (etwa 60 nach Chr.) Zinnober in Wandfresken nachweisen: rechts in der Darstellung 'Geisselung der Braut'.

In der heutigen chinesischen Medizin soll Zinnober noch heute eingenommen werden als Beruhigungsmittel eines unruhigen Geistes und als Schlafmittel. Äusserlich anwegewendet soll es gegen Entzündungen wirken... 20% der chinesischen Zinnoberproduktion werden noch für medizinische Anwendungen verbraucht, obwohl die Giftigkeit nicht restlos aufgeklärt ist.

Zinnober ist jedoch ein unlösliches Quecksilbersalz und mit Sicherheit weniger giftig, als die hochgiftigen löslichen Salze

Quecksilber nahm in der Alchemie eine zentrale Stellung ein.
Die Theorie zur Herstellung von Gold lautete nämlich folgendermassen: Wurde eine kleine Menge vom 'Stein der Weisen' in ein Gefäss mit siedendem Quecksilber gegeben, erfolgte im dicht geschlossenen Gefäss innerhalb von Minuten die Umwandlung des gesamten Inhaltes zu Gold....
Der Haken an der Geschichte: der Stein der Weisen wurde bis heute nicht gefunden....

Vom lebendigen zum abgetöteten Silber....
Zur Herstellung von 'Medikamenten' wurde das 'lebendige' Silber (argentum vivum) zunächst mit andern Stoffen verrrieben, um es 'abzutöten'; dieses 'abgetötete Quecksilber' nannte man 'argentum extinctum. Dieses wiederum konnte man - wie man irrtümlich glaubte- gefahrlos zu Salben und Tinkturen verarbeiten, welche gegen Ekzeme, Hautkrankheiten oder auch Parasiten, wie Skabies eingesetzt wurden....


Alchemie-Symbol für Quecksilber
Krätzemilben...
Der arabische Arzt At Tabari (ca 800-870) verwendete schon Salben mit Quecksilber und Schwefel bei 'Krätze (Skabies, Krätzemilben). Er erkannte richtigerweise, dass es sich bei dieser Krankheit um ein 'lausähnliches Tierchen' handelte, das knackte, wenn man es -nach dem Herausnehmen aus der Haut mit einer Nadel- zwischen den Nägeln zerdrückte.... und eben: die Krankheit wird geheilt indem man das 'Tierchen tötete, mit der obenerwähnten Salbe. Dies blieb jedoch damals ein 'geheimes' Wissen, andere Aerzte anerkannten seine Erkentnisse nicht. So erwähnte z.B. Avicenna (980-1037 p.C.) diese Geheimlehre mit keinen Wort in seinen Schriften, die immerhin bis ins späte Mittelalter als 'das Lehrbuch' der Medizin galt

 


Noch bis Anfang des 20. Jahrhundert wurde gegen Lues/Syphilis Quecksilberzubereitungen verwendet, bevor Paul Ehrlich die Krankheit mit seinen 'Zauberkugeln' Salvarsan besiegte, was ein Meilenstein in der Pharmazie bedeutete.

Aber vorerst wurden alle Formen kräftig mit Quecksilberzubereitungen behandelt!

Es wurden Bäder mit Sublimat (Quecksilber-II-Chlorid, hochgiftig) verordnet oder Einbinden von Körperteilen mit Quecksilberpflastern, die nach bestimmten Regeln wechselweise gemacht wurden (v.a. bei Jugendlichen und Kindern gebräuchlich).

Syphilitische Papeln und Pusteln wurden am mit Quecksilberpflaster versehen.
Syphilitische Hautgeschwüre wurden kurzerhand Kalomelpuder bestreut.....

Mit Salben, die bis 33% metallisches Quecksilber enthielten, wurden nach bestimmten Regeln Einreibungen vorgenommen, so dass nach 6 Tagen jeder Körperteil einmal drangekommen war. Am 7. Tag durfte sich dann mit einem Seifenbad gewaschen werden, wonach alles wieder von vorne begann. Eine vollständige Kur bestand aus 30 - 36 Einreibungen, die Ernährung sollte in jedem Fall sehr kräftig sein, damit das Körpergewicht nicht geringer wurde.

Pikantes Detail: die Unterwäsche durfte nicht gewechselt werden während dieser Zeit!

In ganz harten, renitenten Fällen wurden Räucherungen mit Zinnober (Hydrargyrum sulfuratum rubrum) angeordnet. Der Patient musste sich dabei nackt in eine Art Fass setzen, meist schaute der Kopf noch heraus; dann erhitzte man auf der Glut unter ihm eine bestimmte Menge Zinnober (ca 20-30g). Dieser Vorgang wurde 6-9x wiederholt, der Patient bekam Durchfall und er begann übermässigen Speichel zu produzieren.
Jetzt- so dachte man damals- würde sich das krankmachende Gift aus dem kranken Menschen entfernen!

Tatsache war, dass viele Patienten auf erbärmliche Weise an dieser Kur sterben mussten! Man vermutet sogar, dass der Begriff des Quacksalbers auch auf diese wirklich unkundige Behandlung Kranker zurückgehen könnte.

Aber noch nicht genug: es wurden auch Pillen gegen Lues verschrieben. Man verarbeitete dazu Kalomel (Hg2Cl2, Quecksilberchlorid) zu kleinen schwarzen Pillen (0.1 g pro Dosis), von welchen es galt 2 x tgl. 1 zu nehmen. Stellten sich etwa Durchfälle ein, fügte man den Pillen einfach Tannin oder gar Opium hinzu, um den Nebenwirkungen entgegenzuwirken
Noch 'bequemer' ging's dann aber noch, wenn gleich Quecksilberinjektionen angewendet wurden. Diese waren sehr beliebt, da es viel einfacher und sauberer als die Schmierkuren und Bäder waren:
Kalomelinjektionen
(Kalomel: Hg2Cl2, Quecksilber-(I)-Chlorid, früher auch süsses Quecksilber, Quecksilberchlorür und Quecksilberhornerz)
Für eine Kur reichten 5 Injektionen. Bei besonders resistente Formen gabs dazu 2x pro Tag noch eine Art Quecksilbertee: Decoctum Zittmanni fortius, der ebenfalls Kalomel enthielt; dazwischen war man angehalten, während mehrere Stunden zu schwitzen.
Aristoteles (384 - 322 a.C.) erwähnte es in seinen Schriften, Theophrast von Eresos (371 - 287 a.C.) beschrieb die Gewinnung von Quecksilber aus dem in der Natur vorkommenden Mineral Zinnober (HgS, Schwefelsulfid), und reiche Araber sollen sich in ihren Gärten kleine Teiche mit Quecksilber gefüllt angelegt haben, um nachts als besondere Attraktion das Glitzern des Mondes bewundern zu können...

Auch Amalgame wurden bereits im Rom der Kaiserzeit benutzt, wie sich an der Feuervergoldung der Pferdequadriga von San Marco in Venedig zeigen lässt.

Feuervergoldung
Bei der Feuervergoldung wird das reine Gold mit der 10-fachen Menge Quecksilber vermischt und auf den zu vergoldenden Gegenstand aufgetragen; anschliessend wird der Gegenstand erhitzt, bis alles Quecksilber verdampft ist, das Gold ist jetzt fest mit der Unterlage verbunden.

Spiegelherstellung in Venedig
1507 entwickelten Tüftler, die in der Glasbläserei im venezianischen Muraon arbeiteten, eine spezielle Mischung aus Quecksilber und Zinn, mit der sie Glas beschichteten. Diese Amalgamspiegel waren teuer in der Herstellung, zudem lüfteten die Glasbläser das Geheimnis der Herstellung nicht, so dass Venedig lange das Monopol der Spiegelherstellung in ganz Europa innehatte.
Zinnober: Rotes Quecksilbersulflid, Hydrargyrum sulfuratum rubrum

Als Haut- und Wunddesinfektionsmittel Mercurochrom: Quecksilber ist der wirksame Bestandteil des organischen Quecksilberverbindung.

Darf heute nicht mehr verwendet werden

Früher war in dem heute noch erhältlilchen Desinfektionsmittel Phenylquecksilberborat enthalten, welches jedoch vor mehreren Jahren durch die umweltverträglichen Chlorhexidinglukonat und Benzoxoniumchlorid ersetzt
Ende 19. Jahrhundert: Verwendung in der Gynäkologie
Bis ins 20. Jahrhundert wurden Quecksilbersalben gegen Syphilis verwendet
Sublimat wirkt antiseptisch und fungizid; daher wurde es früher als Desinfektionsmittel in Krankenhäusern verwendet
Anwendung noch bis zum ersten Weltkrieg (!)
Sublimatbäder: Lues

Thiomersal ist eine organische Quecksilberverbindung, die schon in sehr geringer Konzentration (0.001 - 0.01%) bakterien abtötet.
Thiomersal wird zur Konservierung von Medikamenten und Lösungen zur äusserlichen Anwendung verwendet, z.B. Kontaktlinsenflüssigkeiten, Augen-, Nasen- oder Ohrentropfen und Kosmetika.

Oft wird jedoch von Überempfindichkeitsreaktionen berichtet.

 

Kalomel kommt vom Griechischen und bedeutet 'schönes Schwarz', griechisch kalos = schön, melas = schwarz
Hg2Cl2, Quecksilber-(I)-Chlorid, früher auch süsses Quecksilber, Quecksilberchlorür und Quecksilberhornerz genannt
Kalomel löst sich praktisch nicht in Wasser und kann daher vom menschlichen Körper fast nicht aufgenommen werden. Es wurde dabei bei verschiedensten Krankheiten angewendet: innerlich als Abführmittel, zum Anregen der Galle, als Diuretikum, gegen Syphilis, gegen Durchfall mit Erbrechen; äusserlich in Cremes gegen Flecken, Geschwüre und Warzen.
Anwendung in Verhütungsmitteln bis vor 20 Jahren als spermienabtötender Bestandteil

Quecksilber dehnt sich mit steigender Temperatur stetig aus. Dies wurde ausgenutzt in der Herstellung von Messgeräten verschiedenster Art: Fieberthermometer, Manometer, Barometer

Der deutsche Physiker Fahrenheit entwickelte das erste verwendbare Thermometer auf Basis von Quecksilber.

Amalgam ist eine Legierung aus Quecksilber mit Kupfer, Zinn oder Silber. Die Zahnfüllungen aus Amalgam enthalten ca zur Hälfte Quecksilber. Es ist nach wie vor umstritten, ob die Zahnfüllungen genügend Quecksilber freisetzen können, so dass Vergiftungserscheinungen auftreten könnten.

 

Links

Hahnemann und seine Theorie über die homöopathische Verwendung
Heilkunde
by Isabelle Quinter