Electuaria, Latwerge

Elecuarium Theriaca: Theriak oder der Untergang eines Wundermittels

Was ist ein Electuarium
Electurarium oder Latwerge ist eine sehr alte Arzneiform. Es enthält Arzneistoffe, die keinen sehr angenehmen Geschmack haben, es lässt sich längere Zeit aufbewahren dank dem hohen Anteil an Zucker.
Der deutsche Arzt und Begründer der Homöopathie Samuel Hahnemann (1755 - 1853) gibt uns in seinem Werk [1] genaue Auskunft:

Latwerge, (Electuarium) ist eine Arzneiform aus einem gewöhnlich süßen Safte, dem Vehikel und der eigentlich arzneilichen Substanz zusammengemischt, von einer so dicklichen Konsistenz, daß man etwas davon mit einer Messerspitze oder Spatel nehmen kann, ohne daß es von der Seite herunter fließt, und doch nicht so dick, daß sie nicht bequem hinunter geschlurft werden könnte. Man nimmt sie Messerspitzen- und Theelöffelweise.

Es gab aber auch Wirkstoffe die nicht verwendet werden sollten, Hahnemann formulierte das so:

Selten werden heftig wirkende Mittel, z.B. Purganzen, Brech- oder Mohnsaftmittel in dieser Form gegeben, da die Dosis beim Einnehmen nicht so genau bestimmt werden kann. Auch die Quecksilbermittel können kein Ingredienz abgeben, da die Masse zur Latwerge doch halbflüssig seyn muß, und sie in dieser allmählich zu Boden sinken, wenigstens bald ein ungleiches Gemisch geben.

Seine gesamten Ausführungen zur Herstellung, Beschaffenheit und verwendeten Bestandteile von Latwergen können hier nachgelesen werden.
Samuel Hahnemann, ca 1841 in einer Draguerrotypie
Samuel Hahnemann, Draguerrotypie ca 1841 (Bildquelle Wikipedia)
Theriak oder der Untergang eines WundermittelsZweitausend Jahre lang war Theriak DAS Mittel oder besser Wundermittel der damals lebenden Aerzte und Apotheker. Mit Theriak konnte alles behandelt werden. Zunächst wurde es als vielseitiges 'Antidot' gegen allerlei Vergiftungen eingesetzt, aber da man sich nach der Behandlung dermassen wohl fühlte, setzte man es bald bei vielerlei kleineren und grösseren Missbehagen (Wehwehchen) ein. Das 'Wohlfühlen' kam natürlich vor allem daher, dass im 'Wundermittel' Opiumsaft enthalten war.
Theriak wurde -seit es ihn gibt- immer wieder beschrieben und definiert, sei es in den verschiedenen Arzneibüchern aber auch in Wörterbüchern (heute in vielen digitalisierten alten Lexikas nachzulesen, z.B. bei zeno.org). So schrieb Ende des 18. Jahrhunderts der deutsche Lexikograph, Germanist und Bibliothekar Johann Christoph Adelung folgendes zum Stichwort Theriak:

Der Theriāk, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, eine aus gewissen gepülverten Pflanzentheilchen mit Honig zu einer Latwerge verdickte Arzney wider den Gift. Der gemeine Theriak, Theriaca Diatessaron, wird aus der Enzianwurzel, der wahren Osterluzeywurzel, Lorbeeren, Wachholderbeeren, Myrrhen und Honig bereitet. Man hat indessen verschiedene Arten, wovon einige für Thiere, andere aber auch für Menschen gebraucht werden. Daher der Theriaks-Krämer, eine Art Hausierer, gemeiniglich aus Ungarn, welche den gemeinen Theriak für das Vieh herum tragen, und im mittlern Lat. Experimentatores, im mittlern Franz. aber Esprouneur hießen. Das Theriaks-Kraut, in einigen Gegenden, ein Nahme des gemeinen Baldrians, weil es mit zu dem Theriake genommen wird. Das Theriak-Wasser, ein aus Theriak, Citronenschalen, Rautenblättern, Angelik, Diptam, Giftwurzel u.s.f. mit Weingeist und Wachholderwasser destilliertes Wasser.

Anm. In den gemeinen Mundarten Driakel, Trijakel, Tyriakel, Triachel, Triakes, im Engl. Treacle, im Franz. schon 1409 Triacle. Der Nahme stammet aus dem Griech. von dem Worte Θηριον her, entweder, weil es ursprünglich eine Arzney für das Vieh war, oder auch, weil anfänglich auch Vipern dazu genommen wurden, welche im Griech. auch θηριά genannt werden. Diese Arzeney ist alt und schon von Andromacho dem Ältern, welcher unter dem Nero lebte, erfunden; und in einem eigenen Gedichte besungen worden. Er nannte diese Arzeney γάληνον. So wohl der Mithridat als Theriak waren ursprünglich bloße Gegenmittel wider den Gift. Sie unterschieden sich theils dadurch, daß zu dem letztern an die 60 Species, und unter andern auch Vipern und Opium, zu dem erstern aber nur einige dreyßig Species kamen. [6]

Im Deutschen Arzneimittelbuch von 1926 wurde die Latwergen oder Electuaria beschrieben. Als einzige Rezeptur führte das DAB von damals die Senneslatwerge (Electuarium Senna) auf, die aus 1 Teil feingepulverten Sennesblättern, 4 Teilen Zuckersirup und 5 Teilen gereinigtem Tamarindenmus bestand und abführend wirkte.
In Süddeutschland benennt man heute noch musartige Fruchtsachen als Latwerge. [2]

Die Griechen legten den Grundstein zur Rezeptur des TheriaksAls Erfinder des Theriaks vermutet man, wie könnte es anders sein, die alten Griechen. Sie suchten ein Gegengift, das bei giftigen Schlangebissen angewendet werden konnte. Die Zusammensetzung war noch harmlos: Fenchel, Kümmel, Anis. (Diese Mischung wirkt aus der heutigen Sicht bei leichten Verdauungsbeschwerden wie Blähungen).
Diese Rezeptur wurde als so wichtig eingestuft, dass sie in die Mauern des antiken Heiligtums Aklepieions von Kos eingemeisselt waren, so dass sie jedem (lesenden) zugänglich war.
Die Bezeichnung 'Theriak findet sich erstmals bei dem Arzt, Grammatiker und Dichter Nikandros von Kolophon um 170 v.Chr. . Nocandros verfasste das vollständig erhaltene Lehrgedicht 'Theriaka' über Bisse und Stiche giftiger Tiere, wie Schlangen und Skorpione, sowie über deren Behandlung. Interessant hier die Bedeutung des griechischen Wortes Therion: wildes Tier.

Mithridates hatte Agnst vor VergiftungDer Griechenkönig Mithridates der sechste von Pontos (das lag in Kleinasien mit Griechenland), entwickelte aus Angst vor Giftmördern zusammen mit seinem Leibarzt ein Gegengift, das bei jeder Vergiftung wirken sollte. Er lebte von 132 - 63 a.c. in seinem Reich Pontos. Er nannte das Mittel 'Mithridaticum' und er nahm es regelmässig ein im Glauben es sei ein gegen alles wirkendes Antidot. Dieses antike Medikament enthielt zum Grossteil Pflanzen, die wärmend wirken sollten; in der Antike stellte man sich die tötenden Eigenschaften von Giften als Kälteeinwirkungen vor, der man mit Wärme entgegenwirken musste. Dies entsprach der damaligen Vorstellung Gegensätzliches könne mit Gegensätzlichem geheilt werden.

Gegen seine wirkliche Todesursache jedoch war es völlig unwirksam, wenn es vielleicht auch die Schmerzen versüsste: Sein Tod erfolgte nicht durch die von ihm gefürchtete Vergitftung, sondern auf Geheiss seines Sohnes: mit dem Dolch....

Theriak: Zusammensetzung im Velaufe der ZeitDie Rezeptur des Mithridaticum ging jedoch nicht verloren, sondern wurde immer wieder im Verlauf der Jahrhunderte verbessert oder abgewandelt. Zu Berühmtheit gelangte die Mischung des Leibarztes Andromachus des römischen Kaisers Nero: Der Theriak des Andromachus hielt sich von der Antike bis ins 19. Jahrhundert. Gegen alles und für alles wurde er verschrieben und eingenommen: Zahnschmerzen, Knochenbrüche, Syphilis, Pest, Sehschwäche usw. Andromachus verwendete 54 verschiedene Ingredientien, die sich im Verlauf der Zeit bis auf 300 erhöhte.

Die Zutaten würden den heutigen hohen Anforderungen an Reinheit, Nebenwirkungsfreiheit usw. 100-%-ig nicht entsprechen! So wurde vielfach beigemischt, was man so fand: Entenblut, zerquetschte Eidechsen, getrocknete Pflanzen und Gewürze (starkwirksame wie z.B. Meerzwiebeln oder Schlangenwurzel, weniger starke wie Baldrian), aber auch anorganische Stoffe wie Vitriol (Kupfersulfat) und Eisenoxid, Schlangen (am liebsten giftige), natürlich auch Wein und Honig, zu den beiden Hauptwirkbestandteilen: Vipernfleisch und grosse Mengen Opium.
Da war ein wohlfühlendes Schweben nicht weiter verwunderlich...

Die meisten Aerzte im alten Rom und Griechenland haben mit dem Mithridaticum und mit Theriak ihre Experimente gemacht. Als Versuchskaninchen mussten Verbrecher und Sklaven herhalten. Bei befriedigender Wirkung wurden die Säfte 'freigegeben'.
Nero nahm ihn täglich ein, der Kaiser Marc Aurel ebenso, Titus soll an einer Überdosis gestorben sein, Hadrian habe seinen Liebeskummer im Theriak-Opiumrausch ertränkt.

Der Leibarzt von Marc Aurel, Claudius Galenus, beschrieb in seinen Schriften, dass Marc Aurel täglich Theriak zur 'Immunisierung' eingenommen hätte. Es herrschte gerade eine Pestepidemie im römischen Reich und Galenu7s empfahl seinem Kaiser die Einnahme von Theriak als Schutz vor Ansteckung. Doch als Politiker schlief er bei seinen Geschäften oft ein und liess den Trank weg, was zu richtigen Entzugssymptomen wie Schlaflosigkeit und Unruhe führte, worauf er ihn wieder einnehmen musste. Seine Frau Faustina hingegen soll wegen des Genusses von Theriak ein Leben voller Affären gehabt haben (?)

Faustina die Kaisergemahlin Marc von Marc Aurel
Im 18. Jahrhundert gab es heftige Angriffe von Ärzten gegen den Theriak, und so wurde die Zusammensetzung um 1800 stark vereinfacht. In dieser Form wurde er ins Arzneimittelbuch aufgenommen und als »Electuarium theriacale« anfang des 20. Jahrhunderts im deutschen Arzneimittelbuch noch aufgeführt.

Venezianischer Theriak
Die Herstellung erfolgte lange Zeit in Venedig und das venezianische Produkt hatte damals Kultstatus. Teriak war aber ein teures und kostbares Medikament, das für das gemeine Volk unerschwinglich war - dies war natürlich DIE Gelegenheit für Hausierer und Quacksalber, mit minderwertigen gepanschten Produkten gute Geschäfte zu machen. In vielen Städten wurden aus diesem Grunde Gesetze erlassen und die 'Himmelarznei' musste im Beisein von Behörden sowie vereidigten Aerzten und Apothekern durchgeführt.

 

französisches Theriakgefäss aus dem 18. Jh.französisches Theriakgefäss aus dem 18. Jh. (Bildquelle Wikipedia)
In der 1. preussischen Pharmacopöe von 1805 besteht Electuarium theriacale aus folgenden Bestandteilen:
6 Pfund abgeschäumter Honig, 1 Unze gepulvertes Opium, 6 Unzen gepulverter Angelicawurzel, 4 Unzen gepulverte virginischer Schlangenwurzel, je 2 Unzen Baldrianwurzel, Meerzwiebel, Zitwerwurzel und Zimtkassie, je 1 Unze kleine Kardamomen, Myrrhe, Gewürznelken, und schwefelsaures Eisen (Ferrum sulfuricum).
Wichtige Bestanteile des Theriaks5 wichtige Bestandteile des Theriaks, die meist enthalten waren.

Apotheker Unze:
Eine Apotheker Unze (oz. ap.) entsprach etwa 31,2 g, und sie wurde folgendermassen abgekürzt (Bildquelle wikimedia):

Apotheker Unze als Symbol
Die Sonderstellung des Theriak als Universalmedizin liess im 18. bzw. 19. Jahrhundert nach, auch wenn die Herstellung des Theriak lange Zeit als "Haupt- und Meisterstück der Apothekerkunst" galt. Die letzte offizielle Theriak-Rezeptur fand sich 1953 im Deutschen Arzneibuch.
Schwedentropfen, der harmlose Nachfolger des TheriaksHeute findet man den Nachfolger des Theriak als Schwedenbitter, Schwedentropfen oder auch als Schwedenkräuter zum selber ansetzen („Electuarium Theriaca sine opio“) garantiert ohne Vipernfleisch und Entenblut, dafür aber mit Alkohol, verschiedenen Bitterstoffen und abführenden Pflanzenextrakten in Drogerien und Apotheken. Der Ruf eines Wundermittels hat aber auch Schwedenbitter, auch wenn das Studium der Zusammensetzung keine Wunder erhoffen lässt...
[1] Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon. 2. Abt., 1. Teil, Leipzig 1798, S. 12-14. Die gesamten 4 Teile erschienen zwischen 1793 bis 1799, gelesen in 'zeno.org'
[2] Deutsches Arzneibuch, 6. Ausgabe 1926
[3] Springermedizin.at
[4] StK - Zeitschrift für angewandte Schmerztherapie, Winfried Hörster: die Opiumsucht, Teil 6
[5] Pierer's Universallexikon der Vergangenheit und Gegenwart, 4. Auflage 1857–1865
[6] Grammatik kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart von Johann Christian Adelung von 1793 - 1801